St. Gertrudenkapelle

Die Gründungsgeschichte dieser gotischen Kapelle ist im Testament des Uelzener Bürgers Hans Holsche ( oder Holsteke) aus dem Jahr 1535 beschrieben.

Um 1510 starb in Lübeck Fräulein Greteke Winkels. In ihrem Testament bestimmte sie, dass die mit ihr verwandte Frau des Hans Holtsche aus Uelzen, den größten Teil ihres Vermögens erbt. Hans Holtsche selbst setzte sie als Bevollmächtigten ein, der sich um die ordnungsgemäße Abwicklung kümmern sollte.

Beim Erbantritt wurden Hans Holtsche in Lübeck Schwierigkeiten gemacht, er wandte sich deshalb an den Rat der Stadt Uelzen. Bürgermeister Albrecht Melzing erreichte schließlich, dass das Vermögen der Greteke Winkels freigegeben wurde, allerdings unter der Auflage dieses zur Gründung einer geistlichen Stiftung zu verwenden.

Von 1511 - 1513 wurde die gotische Kapelle erbaut und mit Altar und Ausstattung eingerichtet. Es wurde ein Vikar angestellt, der die Messe las. Sein Lebensunterhalt musste auch durch die Stiftung abgesichert sein. Das Erbe der Greteke Winkels reichte nicht aus und so legte Hans Holtsche noch Kapital aus der eigenen Tasche dazu. Der erste und einzige Vikar hieß Dirik Lemann, ein wohlhabender Uelzener Bürgersohn, der 1523 für die Veerßer Kirche ein, bis heute erhaltenes, buntes Glasfenster mit Namen und Wappen stiftete.

Die Gertrudenkapelle wurde nicht nur als Gotteshaus, sondern auch als Notunterkunft für Reisende und Wanderer genutzt. Seit dem frühen Mittelalter wurden die Stadttore von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang geschlossen, kein Reisender hatte mehr Zutritt. Im Norden diente die St.Vitikapelle und im Süden die Veerßer Kirche vor den Stadttoren als Notunterkunft. Vor dem Gudestor stellte nun die Gertrudenkapelle Schlafplätze zur Verfügung.

Die heilige Gertrud, eine Äbtissin von Nyvel in Frankreich, verstorben 659, stand Pate für den Namen. Sie ist die Schutzheilige der Wanderer und Reisenden.
Tagsüber war die Kapelle aus Angst vor Gesindel verschlossen. Nur für Gottesdienste wurde die Kapelle geöffnet. 1527 begann die Reformation. Die Vikarien wurden beschlagnahmt und die Stiftungsvermögen an die Stifter oder deren Erben zurückgegeben. Herzog Ernst bestimmte, dass aus der Gertrudenvikarie eine Studienstiftung wurde, das Gertruden - Lehen. 12 Jahre sollte für einen Schüler aus der Stifterverwandschaft ein Stipendium bezahlt werden. Jeden Mittwoch wurden an 12 Bedürftige jeweils ein Laib Brot verteilt. Außerdem bekam ein Dienstmädchen, sofern noch Mittel vorhanden waren, eine Aussteuerbeihilfe.
Hans Holtsche bestimmte einen Ratsherren, einen Kirchengeschworenen und einen Nachkommen (bzw. einen frommen Uelzener Bürger) als Nachlassverwalter. Der Rat der Stadt bestimmt bis heute die entsprechenden Personen.
Hans Holtsche erklärte ausdrücklich in seinem Testament, dass alle Bestimmungen außer Kraft gesetzt werden, falls die alte Religion und der katholische Ritus wiederhergestellt wird.
Mit der Reformation gab es keine Gottesdienste mehr in der Kapelle. Sie wurde aber weiter als Notunterkunft genutzt.
In Uelzen brach im April 1566 die Pest aus. Mitte Mai wurde der Notstand vom Stadtrat ausgerufen. Für den Fall, dass der Friedhof an der Marienkirche nicht ausreichte, fasste man den Entschluß, zusätzliches Beerdigungsgelände an der Gertrudenkapelle zu errichten. Durch die Pest wurde das Wirtschaftsleben stark eingeschränkt und so waren die Tagelöhner froh über ihre Aufgabe, das Gelände um die Gertrudenkapelle, die am Ufer der Ilmenau liegt, aufzuschütten. Der Stadtrat befürchtete, dass bei einem Hochwasser eventuell die Särge freigespült würden. Da die Seuche weniger Opfer verlangte als befürchtet, wurde das neue Friedhofsgelände erst ab 1580 für Stadtfremde als letzte Ruhestätte genutzt.
1597 starb ein Drittel der Uelzener Bevölkerung am schwarzen Tod. Alle Nichtbürger wurden
an der Gertrudenkapelle beigesetzt. Die Verstorbenen aus den umliegenden Dörfern Ripdorf, Halligdorf, Niendorf und Woltersburg begrub man ab 1600 auf dem Kapellengelände. In diesem Zusammenhang wird auch vom Wendischen Friedhof gesprochen.
St. Gertruden wurde bis 1799 als Totenkapelle genutzt. Ab 1866 - 1906 wurden für die katholischen Garnisonsangehörigen Messen in der Kapelle gefeiert.
Im 2. Weltkrieg, im Jahr 1945, wurde das Kapellendach durch mehrere Artillerietreffer zerstört.
Am 01. Dezember 1947 erteilte der Vorstand der Gertrudenkapellen - Stiftung dem Architekten Karl Schlockermann den Auftrag zum Wiederaufbau. Karl Schlockermann legte am 10. März 1948 dem Vorstand die Baupläne vor. Es wurden einige Änderungen gegenüber dem ursprünglichen Bauwerk vorgenommen. So sollte die niedrighängende Holzdecke durch einen höher gezogenen Korbbogen ersetzt werden. Der Altarraum sollte um 30 Zentimeter erhöht und über dem Westportal eine keine Orgelempore eingebaut werden.
Die Idee, die Baukosten durch eine langfristige Vermietung an die Freikirche der Christusgemeinde zu finanzieren, scheiterte.
Daraufhin beschloß der Stiftungsvorstand mit eigenen Mitteln, sowie Zuschüssen der Stadt Uelzen und der Mariengemeinde das Vorhaben zu verwirklichen.
Obwohl der Niedersächsische Landeskonservator in Hannover und das Landratsamt am 07. Juli 1948 die Baufreigabe erteilten, war die Finanzierung noch nicht entgültig geklärt.
Laut der Niederdeutschen Zeitung vom 21. Dezember 1948 wurde aber bereits seit einigen Wochen am Wiederaufbau gearbeitet. Im Februar 1949 war das Kapellendach bereits dicht, der Dachreiter aufgesetzt und der Westgiebel mit dem Portal instand gesetzt.
Der Uelzener Stadtrat traf sich am 03. Februar 1949, um unter anderem über das Thema "Wiederaufbau bzw. Zuschüsse Gertrudenkapelle" zu beraten. Zwei Meinungen standen zur Debatte: Der alte Uelzener Bürgermeister Heinrich Meyerholz vertrat gegenüber dem SPD - Parteifuntionär Adolf Hochgräfe und seinen Parteifreunden, die sich nicht entschließen konnten einem zinslosen Darlehen zu zustimmen, geschickt die Meinung, dass es sich bei der Gertrudenkapelle um eine Stiftung von gemeinnützigem Interesse handelt und das Uelzener Bürger Stipendien daraus erhalten. Da der Stadtrat in früheren Jahren einstimmig 1000,-- DM für den Wiederaufbau der Paulskirche in Frankfurt gestiftet hatte, sprach sich der Bürgermeister für ein zinsloses Darlehen über 5000,-- DM aus. Beirat Kühn schloß sich diesem Antrag an und überlegte die Kapelle dem Heimatmuseum anzuschließen. Nach einer Sitzungspause stimmten schließlich alle anwesenden Ratsmitglieder dem zinslosen Kredit zu.

In der folgenden Zeit führte Baugeschäft Hans Röver die Maurerarbeiten aus, das Unternehmen Karl Hachmeister die Dachdeckerarbeiten und die Zimmererarbeiten wurden von Firma W.Rasche, alle aus Uelzen, ausgeführt. Der Stadtforst lieferte kostenlos Holz.
Letztlich musste die Stadt 8000,--DM zur Verfügung stellen, welche in zwei Teilbeträgen a 5000,--DM und 3000,--DM ausgezahlt wurde.
Bis zum Frühjahr 1949 wurden die eigentlichen Bauarbeiten zur Sicherung und Wiederherstellung des 400 Jahre alten Bauwerks abgeschlossen. Nach zwei Jahren Innenausbau wurde die Kapelle 1951 eingeweiht.
Heute wird die Kapelle von der St. Petri Kirchengemeinde und der Evangelisch-reformierten Kirche für Gottesdienste genutzt.

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