Die Ratsweinhandlung

In dem Testament des Priesters und Vikars Dietrich Stein vom 10. November 1402 wird erstmals ein Bauwerk als "des rades nye huse" erwähnt, aber nicht der genaue Standort. Eine bis heute erhaltene Urkunde des Jahres 1511 bezeichnet die Lage des Gebäudes näher.

Jedoch die genaue Position des "Neuen Hauses" (der heutigen Ratsweinhandlung) können wir erst der Planansicht "Ultzen wie solche vor dem Brand ausgesehen" von Matthaeus Merian aus dem Jahre 1656 entnehmen, der heutigen Bahnhofstraße Nr. 42 (bis 1847 Rosenstraße).

Das neue Gebäude westlich des zu klein gewordenen Rathauses wurde als Tanz- und Hochzeitshaus des Rates errichtet, wobei die Giebel beider Gebäude eine Flucht bilden. Der 7 bis 10 Meter breite Raum zwischen Ratshaus und dem "Neuen Haus" betont die östliche Traufseite des letztgenannten, wo sich bis 1927 der Haupteingang befand.

Aber auch westlich des "Neuen Hauses" gab es eine Passage, den so genannten „Kirchgang“, welche 1809 geschlossen wurde. Die freie Lage neben dem Rathaus zeigt uns die hohe Bedeutung des Gebäudes zur damaligen Zeit.

Die uns heute bekannte Ratsweinhandlung schenkte Biere und Weine aus und diente auch den Festlichkeiten des trinkfreudigen Rates sowie der Bürger der Stadt. Wie uns eine schriftliche Notiz von Joachim Hölsche, der zweite Pächter (1587-1607), vom 18.September 1587 beweist. Dieser zufolge, hatte er "dem Erbaren Rathe von Ultzen" auf seinen Wagen 7 Tonnen Bier zu je 38 Talern in bar geschickt. Eine Tonne entsprach dabei etwas mehr als 200 Litern. Vier Wochen später, am 15. Oktober 1587, folgte eine weitere Lieferung mit derselben Menge sowie zum selben Preis. Glaubt man diesem Zeugnis, war es also nicht so, dass die Stadtväter ihre festlichen Veranstaltungen und ihren Kommerz ausschließlich im großen Festsaal des Obergeschosses begingen, sondern auch andere Räumlichkeiten nutzten.

Über die Innenstruktur des gotischen Vorgängers der Ratsweinhandlung sind nur schwer Aussagen zu treffen, da durch den Brand von 1646 nur noch der Keller, die Erdgeschosswände sowie der rückwärtige Staffelgiebel erhalten blieben.

Durch eine 1959 wiedergefundene Holzsäule mit Blattkapitell und einer Länge von fast 3 Metern (zu besichtigen im Schloß Holdenstedt) kann man davon ausgehen, daß sich im Obergeschoss, wie auch bei den Lüneburger Patrizierhäusern, ein annähernd 9 Meter breiter Saal befand. An der südlichen Rückwand des Saales lag der Kamin, dessen Schornstein in der mittleren Staffel des Rückgiebels endet.

Nach dem großen Brand von 1646 wurde das Obergeschoß des Gebäudes mit geschnitzten Fachwerkbalken und bunten Malereien wieder aufgebaut. Hier entstand auch die Inschrift auf dem Balken "Die Trunkenbolden werden das Reich Gottes nicht ererben".

Seit dem 17. Jahrhundert werden das Erd- und Obergeschoss des rückwärtigen Giebels von einem Nebengebäude (dem Speicher) verdeckt. 1983 wurde der gotische Giebel restauriert, wobei auch der Dreistaffelgiebel wiederhergestellt wurde.

Bei Sanierungsarbeiten im Jahre 1959 fand man ein altes Wappen der Familie Hausmann, welches jetzt die Ostseite schmückt.

Der Name "Ratsweinhandlung" entstand auf Antrag des Eigentümers durch einen Magistratsbeschluss vom 15. September 1920. In diesem Beschluss wurde festgelegt, daß die hier ansässige Firma fortan "Ratsweinhandlung C.L. Schultz" heißt. Der Firmenname „Ratsweinhandlung“ ist an das Gebäude gebunden und nicht übertragbar.


Im Gewölbekeller wurden Wein und Biere auswärtiger Brauereien, z.B. aus Hamburg, Einbeck und Braunschweig gelagert. Anfänglich kam der Wein auch aus umliegenden Weingärten an den Ilmenauhängen des Königsberges vor den Toren Uelzens.

Erst viel später kamen die Uelzener Bürger auf den Geschmack des Rheinweines und anderer europäischer Kostbarkeiten, vor allem aus Frankreich. So war zum Beispiel der Bürgermeister Georg Hoefft dem Madeira und Portwein sehr zugetan.

Pächter Carl König servierte seinen Gästen im Hotel "Stadt Hamburg" Portwein, Madeira, Rum und Cognac, welche er aus der Ratsweinhandlung bezog. Der Club Union wurde von 1856 bis 1860 in nur fünf Jahren immerhin für etwa 15.000 Reichstaler mit Rüdesheimer Weinen, dem Sekt der Veuve Cliquot, Portweinen und manches mehr beliefert.

Der Einzugsbereich im 19. Jahrhundert war allerdings nicht nur auf die Stadt Uelzen beschränkt. Beliefert wurden auch Kunden in den Gemeinden Bevensen, Lüchow, Gifhorn, Celle und Hoya sowie der Ratskeller in Salzwedel.

Die guten Tropfen in Fässern wurden damals mittels einer großen Winde in den Keller abgeseilt. Den Keller erreicht man über ein Tonnengewölbe, an dessen Nordseite drei weitere Gewölbe anschließen. Sie dienen heute der Lagerung, werden aber auch zu Lesungen und Weinproben genutzt. Sehenswert sind gut erhaltene Segmentbögen die auf repräsentative Weise mit Tausteinen verziert sind und eingemauerte Vorsprünge für Weinregale aufweisen.

Text: Schüler der Grone-Schule
Ergänzung: Dr. Fred Mahler 7/2006
Bilder: Thomer Neidhardt

Bild 1: Gesamtansicht von der Bahnhofstraße aus
Bild 2: Sehenswerter Nordgiebel mit reichen Verzierungen im Renaissancestil
Bild 3: Gotischer Staffelgiebel mit Fasswinde
Bild 4: Lüftungsluke zum Gewölbekeller